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Erlebnisse im neuen Umfeld

45. Folge – Erlebnisse im neuen Umfeld

Die Dämmerung kündigte sich an. Der Tag, der nunmehr zu Ende ging, war für das Wichtelvölkchen sehr beschwerlich gewesen. Erst der Flug, der ihre innere Uhr durcheinander gebracht hat, dann das Abschiednehmen von den Freunden und schließlich der lange anstrengende Fußmarsch hin zum Garten. Mühselig schleppten sie sich bis zu dem steinernen Frosch, der auf einer kleinen Felswand angebracht war. Dicht daneben befand sich eine Vogeltränke, die die durstigen Seelen längst entdeckt hatten. Sie drängten zu dieser Stelle und tranken begierig von dem frischen Wasser. Das war alles, was sie noch für ihr körperliches Wohlbefinden tun konnten. Eine nicht mehr aufzuhaltende Mattigkeit erfasste die Zwilche. Sie konnten sich nicht mehr auf den Beinen halten. Ihre Knie gaben nach. Gleich einem saftlosen Grashalm knickten die geschwächten Waldleutchen um und ließen sich auf einem runden Beet zwischen den Blumen nieder, wo sie sogleich in tiefen Schlaf fielen.

Tief hängende Wolken jagten mit großer Geschwindigkeit über den Himmel. Es wurde finster. Bald hatte die Dunkelheit die Gartenlaube verschlungen, ja selbst Bäume und Sträucher waren nicht mehr zu erkennen. Und die Männlein schnarchten, was das Zeug hielt. In der Frühe des anderen Tages wurden alle durch lautes Geklapper aus ihren Träumen gerissen. Was war das? Solche Geräusche kannte man nicht. Ein Feldmäuschen saß vor dem Zaun und beobachtete die angsterfüllten Gesichter. Es flitzte zu ihnen hin. Mit seiner piepsigen Stimme erklärte es den bibbernden Zwergen, dass sie nichts zu befürchten brauchten. Der Gärtner übernachte von Zeit zu Zeit in der Gartenlaube. Wenn er des Morgens aufstehe, geschehe das nicht ohne Gepolter. Weiter berichtete das Mäuschen: „Zuerst wird die Kaffeemaschine in Gang gesetzt. Danach stellt er das Kaffeegeschirr, die Butter und Marmelade auf den Tisch. Die frischen Brötchen nimmt er aus der Tüte und legt sie auf einen Dessertteller. Eben diese Vorbereitungen erledigt er sehr geräuschvoll. Daran müsst ihr euch gewöhnen, sonst ist der Gartenliebhaber ein zugänglicher Mensch. Ihr müsst nur aufpassen, dass ihr ihm nicht in die Quere kommt.“ In der Zwischenzeit tauchte auch ein Maulwurf aus seinem Sandhügel auf. Ehe er überhaupt etwas äußern konnte, warnten ihn die Wichtels. Er solle schleunigst verschwinden und sonst wo seine Gänge graben. Unwillig zog er sich in das Erdreich zurück. Durch die gelockerte Erde kroch die für die Gärten sehr schädliche, unterirdisch lebende, Maulwurfsgrille, auch Erdkrebs genannt, und wollte ihre Meinung kundtun. Da rief das Mäuschen nur: „Putz die Platte, du Wurzelfresser, du hast hier nichts zu suchen.“ „Ich lasse mich nicht von euch so ohne weiteres verscheuchen und als Schädling bezeichnen. Meine Nahrung besteht nicht nur aus Wurzeln und Keimlinge, sondern auch aus Larven, aus denen sich Raupen, Schmetterlinge und die stichfreudigen Wespen bilden.“ „Das wissen wir alles“, antworteten die Knirpse Lisa und Titi, „gehe und lasse dich nicht mehr bei uns blicken.“

„Wir dürfen das Apfelbäumchen nicht vergessen“, erinnerte Herr Wichtel seine Lieben. Nach dem Frühstück machte sich das Trüppchen auf den Weg dorthin. Das Apfelbäumchen erblickte die Zwerge und rief ihnen traurig zu: „Ich hatte schon gedacht, ihr würdet nicht mehr kommen.“ „Doch, doch“, erwiderte Herr Wichtel, „wir haben dir unser Wort gegeben. Um dir überhaupt helfen zu können, mussten wir Kräfte sammeln, also ausruhen und ausschlafen und gut frühstücken. So jetzt wird es ein bisschen hart für dich. Zunächst graben wir, ein Stückchen von deinem jetzigen Standort entfernt, ein tiefes Loch. Dann legen wir deine Wurzeln frei, ziehen dich aus dem Boden heraus und setzen dich sofort in die vorbereitete Stelle um.“ So geschah es auch. Alles klappte wunderbar. Nachdem die Vertiefung zu gebuddelt und fest getreten war, streckte und schüttelte sich das Apfelbäumchen ordentlich und war voller Freude, von jetzt an nicht mehr von dem stacheligen Strauch gequält zu werden. Mit dem Versprechen, in ein paar Tagen vorbeizuschauen, trennten sich die Wichtels von ihm.

An diesem Tag strahlte die Sonne wie schon lange nicht mehr. Keine einzige Wolke zeigte sich am Firmament. Die Wichtelkinder nutzten das herrliche Wetter aus, durch den riesigen Garten zu schlendern. Max tippelte zu den Sträuchern, an denen leuchtend rote Johannisbeeren hingen, um sie zu probieren. Gerade, als er die erste Beere in sein Mündchen stopfen will, rief Lisa ihm zu: „Geh‘ in die Hocke und tarne dich, der Gärtner kommt mit einer Gießkanne gefüllt mit Wasser auf dich zu.“ In diesem Augenblick ergoss sich ein kalter Wasserstrahl über den Kleinen, so dass ihm der Atem stockte. Miti riss ihn wagemutig aus der Gefahrenzone, gab ihm einen Klaps auf den Hintern, damit er nicht ohnmächtig wurde. Das war noch einmal gut gegangen. Miti schimpfte dennoch mit ihm, weil er unvorsichtig war. von nun an blieben die Racker zusammen. Schwatzend spazierten sie zum Kräuterbeet und spielten dort verstecken. Auf einmal stolperte unser Unglücksrabe Max über eine Unebenheit im Beet und wurde, während das Erdreich sich wölbte, in die Höhe gehoben. Das Wichtelkind blieb nicht auf dem winzigen Hügel liegen. Es rollte herunter, da ein Erdmännchen sich von unten eiligst Platz verschaffte und wissen wollte, wer solchen Lärm veranstalte. „Was treibt ihr hier?“, keifte es aus seinem Loch. Erschrocken schauten sich die kleinen Racker um. Sie waren überrascht, wer so alles aus dem lichtlosen, unterirdischen Reich auftauchte. „Ich fühle mich in meiner Ruhe gestört“, bemerkte das bräunliche Wesen, das eher einem Kobold glich. Dennoch seine Stimme klang freundlich. „Wir wollen nicht aufeinander böse sein“, entgegneten die Zwergenkinder; wenn du deine Ruhe haben willst, verziehen wir uns in einen anderen Teil des Gartens. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht mehr hier hin kommen und diese Kräuter probieren werden.“ „Esst aber nicht zu viel davon“, sagte das Erdmännchen, „ihr bekommt sonst Leibschmerzen. Schnittlauch, zum Beispiel ist ein mildes Abführmittel oder Pfefferminz könnt ihr zum Einreiben verwenden, wenn ihr euch gestoßen habt. Das nächste Mal verrate ich euch mehr über Gartenkräuter. Jetzt verschwinde ich wieder. Seid zukünftig leiser.“

Ein ratloser Gärtner.

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