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Ein ratloser Gärtner

46. Folge: Ein ratloser Gärtner

Auf einmal fing Lisa an zu weinen. „Was ist los, ist dir nicht gut?“, fragte ihre beste Freundin. „Ich habe diese Pflanze nur gestreift und jetzt brennt mein Ärmchen furchtbar und ein schlimmer Ausschlag zeigt sich, wie du siehst.“ „Ja, liebe Lisa, du bist mit Brennnesseln in Kontakt gekommen. Ihre Blätter und Stängel sind mit Brennhaaren besetzt, die schon bei leisester Berührung abbrechen und Saft auf die Haut abgeben. So schützt sich dieses Unkraut gegen Kräuter fressende Tiere oder „Zwerge“. Natürlich gibt es auch Tiere, die sich ausschließlich von Brennnesseln ernähren und die sind gegen diese Brennhaare unempfindlich. Du brauchst keine Angst zu haben. Die roten Flecken verschwinden wieder von selbst.“ Gitti meinte, Lisa solle mehr fragen und sich nicht in Gefahr begeben, indem sie ihr unbekannte Kräuter betastet. Die Zwergenkinder trippelten mit ihr zur Vogeltränke, damit sie das gerötete Ärmchen unter einen Wasserstrahl halten und kühlen konnte. In diesem Augenblick kam Vater Wichtel sichtlich verärgert auf die Rasselbande zu und schalt sie. „Wo seid ihr gewesen?“, wollte er wissen, „wir haben euch gesucht und uns Sorgen gemacht“. „Sei nicht so streng mit uns“, erwiderte Miti, „wir wollten nur einen kleinen Abstecher machen und schauen, welche Kulturen angebaut werden.“ Dabei huschte ein spitzbübisches Lächeln über seine Lippen. Der Zwergenvater schmunzelte, ließ sich jedoch von ihm nicht beeinflussen und forderte die kleinen Racker auf, sofort mit ihm zu kommen.

Gerade als die Waldleutchen auf Kräutersuche gehen wollten, sahen sie den Gärtner mit einer Leiter aus der Gartenlaube kommen. Er trug diese bis zum Apfelbaum, um sie dort aufzustellen. Dann lief er zurück und holte eine lange Stange, an deren Ende ein Säckchen befestigt war, aus einem Schuppen und stellte sie an die Leiter. Die Zwerge guckten sich gegenseitig an. „Was hat er vor?“, fragte Max, „Will er damit die Vögelchen fangen, die oben im Baum nisten?“ „Wartet doch mal ab“, tadelte ihr Schullehrer, „regt euch doch nicht so auf. Gleich steigt er auf die Leiter und erntet das Obst. Die Stange mit dem Beutel ist wie ein verlängerter Arm, mit dem er die am Ende der Zweige hängenden Äpfel pflückt.“ Die Kleinen glaubten ihm nicht, setzten ihre Tarnkappen auf und schlichen wie ein Spähtrupp an Ort und Stelle. Da passierte es. Ein Apfel fiel herunter und traf Lisa. Sie schrie auf und diesen Schrei hörte der Gärtner hoch oben im Baum. „Was war das?“, sprach er zu sich selbst, „wieso höre ich Stimmen?“ Er schaute nach unten und sah ein klitzekleines zappelndes Wesen. Er kletterte rasch die Leiter hinunter, um nachzusehen. Aber als er unten ankam, lag nur die durch den
Aufprall in zwei Hälften geteilte Frucht auf dem Gehweg. Der Gärtner war verärgert und glaubte, dass ihm irgend jemand einen dummen Streich spiele und überprüfte jeden Winkel auf seinem Grundstück. Ohne Erfolg! „Ich bin doch keiner Sinnestäuschung aufgesessen“, dachte er, „ich muss dem heimlichen Treiben auf die Schliche kommen“, hob behutsam den Apfel auf und betrachtete diesen mit Kennerblick.

„Ungeheuerlich“, murmelte er vor sich hin. Der Pflanzenfreund war fassungslos. Rätselhaft wie das Lebewesen, das nicht größer als ein Steinpilz war, im Handumdrehen verschwinden konnte. Das ließ ihm einfach keine Ruhe. Noch einmal durchkämmte er sein Grundstück, stellte jedoch nichts außergewöhnliches fest. Oder doch? Am Rand des Kohlrabibeetes entdeckte er eine zerknüllte Tarnkappe. Der Gärtner griff danach und stülpte sie über seinen Daumen. Siehe da, der Finger wurde unsichtbar. In diesem Moment war ihm klar geworden, dass er in ein Geheimnis gedrungen war. Geistesabwesend stand er vor seinem Kräuterbeet, als das Erdmännchen zwischen Basilikum und Dill an die Erdoberfläche kam und zu ihm hin tippelte. Es zerrte an seinen Hosenbeinen, um sich bemerkbar zu machen. Mit sanfter Stimme sprach es: „He, Meister. wo bist du mit deinen Gedanken? Was ist geschehen?“ Daraufhin antwortete er: „Ein winziges Kerlchen lag auf dieser Stelle. Als ich nachschauen wollte, war es weg.“ Das Erdmännchen grinste in sich hinein und erzählte sodann von den Zwergen, die sich hier für eine kurze Weile nieder gelassen haben und fügte hinzu: „Ich kann dich zu ihnen hin führen. Ich weiß, wo sie sich aufhalten. Ja, es gibt sie wirklich, nur sie werden nicht wahrgenommen.“

Unterdessen trugen die Wichtels Lisa so rasch sie konnten hinter einer dichten Buchsbaumhecke. Hier wurde sie untersucht und abgetastet. Das behagte der Göre gar nicht. Sie wehrte sich, zappelte und behauptete, keine Schmerzen zu haben. Frau Wichtele war aber anderer Ansicht. Sie deutete auf das Ärmchen und sagte: „Schau dir dein Ärmchen an, es ist angeschwollen. Ich möchte einzig und allein feststellen, ob du noch weitere Verletzungen erlitten hast. Mache es mir nicht so schwer.“ „Mir ist nichts passiert“, behauptete Lisa zornig, „lass‘ mich in Ruhe.“ Schmollend riss sie sich los. „Na ja“, gab Herr Wichtel zu bedenken, „in ein paar Tagen wissen wir mehr. Lasst den kleinen Schreihals in Ruhe.“

Lisas Stimme war wie das Zwitschern eines Vogels weithin zu hören. Die beiden, also Gärtner und Erdmännchen, hatten deshalb keine Schwierigkeit das Versteck ausfindig zu machen. Schritt für Schritt näherten sie sich der Hecke, wurden jedoch bald von den Wichtelkindern erspäht. Miti, der Racker, gab den anderen Kindern durch Zeichen zu verstehen, sich ruhig zu verhalten. Jedoch das schlaue Erdmännchen mit seinen feinen scharfen Ohren hatte ein Rascheln vernommen und ebenfalls sein Pfötchen auf sein Mäulchen getan, um den Gärtner zu warnen. Beide Gruppen schlichen in gebeugter Haltung aufeinander zu. Der Gärtner hatte sich in eine Furche gelegt und kroch bäuchlings voran. Hinter einer steinernen Abgrenzung trafen sie zusammen. Allen war die plötzliche Begegnung derartig in die Glieder gefahren, dass sie nicht mehr in der Lage waren, einen Ton von sich zu geben.

Allmählich vertrauten die Zwilche dem Gärtner.

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