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Die Riesenkröte

48. Folge: Die Riesenkröte

Der Gärtner überlegte und meinte, es gäbe nur eine Möglichkeit Herr Wichtel aus den Grannen der Klettenblüte zu befreien: den Stängel abknicken. Sodann wäre der Pflanze die Kraft genommen, ihr Opfer weiterhin fest zu halten.

Der am Vortage gefallene Regen hatte den Weg in einen Morast verwandelt. Dreck und Schlamm klebten fest an den Schuhsohlen und hingen wie Bleigewichte unter den Füßen. Als der hilfsbereite Mann an der Stelle ankam, sah er, dass der Strauch des widerhaarigen Korbblütlers von Gräsern und Wildpflanzen überwuchert war und in diesem Gestrüpp sich zurecht zu finden, war aussichtslos. Kurzerhand nahm er sein Taschenmesser aus der Gesäßtasche und schnitt den oberen Teil des Stängels ab, in dessen grannigem Blütenkopf das kleine Kerlchen fest hing. Während der Gärtner sich bemühte den Zwerg aus den Fängen der Pflanze zu befreien, rutschte er auf dem nassen Gras aus. Er fiel kopfüber in einen am Weg vorbeiführenden Wassergraben. Erschrocken und wütend über seine Ungeschicklichkeit erhob er sich. Der Wichtelvater war ihm aus der Hand geglitten und landete unverletzt auf einer weichen Moosstelle. Er stand auf, als sei nichts passiert, entfernte den Schmutz und rief: „Meister, wo bist du? Ich höre nichts mehr von dir. Hast du vor Schreck die Sprache verloren?“ „Nein, nein“, antwortete der Gärtner, „ich bin gestolpert und der Länge nach hingefallen. Ich habe mich von oben bis unten mit Schlamm besudelt. Man könnte meinen, ich hätte mich in einer Suhle gewälzt. Ich sehe fürchterlich aus.“ „Das macht nichts“, rief der Zwerg, „zeig‘ dich mal, vielleicht übertreibst du ein bisschen.“ Mitten im Gespräch vernahmen die beiden ein satanisches Lachen. „Was war das?“, dachten unsere Freunde und spitzten ihre Ohren, um herauszufinden, aus welcher Richtung das schrille Gelächter kam. Das „Hi, Hi, Hi, Ha, Ha, Ha“ klang grauenhaft und zwischendurch ein tönernes Quaken, das sich so komisch anhörte. „Vielleicht ist das ein verwandeltes Menschenkind“, meinte der Gärtner, „schauen wir mal, wer da so herum krakeelt“. Schon hatte der Wichtelmann den Krawallmacher entdeckt, und deutete auf einen Baumstumpf. „Herr je, das ist ja ein stattliches Tier. Stammt das aus der Zeit der Dinosaurier? Am besten, wir hauen schleunigst ab, sonst werden wir noch von dem Ungeheuer verspeist“, gab der Gärtner zu bedenken. Das Monstrum riss sein breites Maul auf. Ein beißender Geruch kam aus seinem Rachen und verpestete die Umgebung. In dem Augenblick, als der Zwerg und der Gärtner sich dem furchtbaren Gestank entziehen wollten, tauchte eine bildschöne Baumnymphe auf. Verwundert und überrascht waren sie beim Anblick dieser Gestalt. Vor allem der Gartenliebhaber erlag der Faszination dieses Wesens. „Meister, deine Augen kommen ja aus dem Kopf“, schrie Wichtel, „hast du noch nie eine Fee gesehen?“ Nein, ja, nein“,entgegnete er stotternd. „Was nu, nein oder ja?“, wollte das Waldmännlein wissen. „Du bist ja vollkommen aus dem Häuschen, komm‘ zu dir. Diese Fee ist ein übernatürliches Wesen und erscheint nur, wenn die bösen Geister der Finsternis die Menschen erschrecken wollen. Sie hat uns vor der giftigen Kröte gerettet.“ Da kratzte sich der Pflanzenfreund am Kopf als wolle er seine grauen Zellen wach rütteln und bezeichnete sich selbst als Tor. „Ja“, sprach die gute Fee, „Herr Wichtel hat vollkommen Recht. Aber, wenn du ein besonders liebliches Wesen kennen lernen möchtest, dann gehe zur Riesenkröte, umarme, streichele und küsse ihren öligen Leib.“ „Nein, ich kann dieses hässliches Tier nicht mal anschauen, geschweige denn anfassen. Was hat das denn mit einer hübschen Frau zu tun?“, erwiderte der Gärtner. „Du lässt mich nicht ausreden, lieber Mann“, gab die Nymphe freundlich zur Antwort, „eine junge Frau wurde von einem der bösen Gnome während sie im Wald Beeren und Kräuter suchte, überrascht und in dieses Untier verwandelt. Nur ein mutiger Mensch kann durch Berührung des scheußlichen Ungeheuers den Bannkreis der Verzauberung aufheben.“

Indes wurde das Zwergenvölkchen, das an der Wegkreuzung im Handwagen auf den Gärtner und das Zwergenoberhaupt wartete, unruhig, weil die Beiden zu lange weg blieben. Lisa meinte: „Eigentlich müssten sie schon längst wieder zurück sein“, und befürchtete das Schlimmste. Ihre Geduld war am Ende. Deshalb bat sie Max und Miti mit zu kommen und ihr beim Suchen zu helfen. Aber die Knirpse hatten keine große Lust und erwiderten: „Der heutige Tag war für uns sehr anstrengend. Noch mehr Strapazen können wir nicht mehr auf uns nehmen.“ Da reagierte Lisa ärgerlich und schimpfte: „Das sind unsere Freunde, wir dürfen sie nicht im Stich lassen, ob ihr wollt oder nicht, ihr werdet euch schon bequemen müssen, mit mir zu gehen, auch zu meinem Schutz.“ Widerwillig folgten sie dem Zwergenmädchen.

Es war eine kurze Wegstrecke, die die drei Knirpse zurück legen mussten. Sie hüpften von Stein zu Stein, die aus dem moorigen Boden herausragten. Trotz Nieselregen, der zu allem Überfluss eingesetzt hatte, schafften es die kleinen Racker Gärtner und Zwerg zu finden. Vor Freude schlugen die Kinder Purzelbäume. Sie tollten herum, machten Luftsprünge. Die Müdigkeit war auf einmal wie weg geblasen. Als sie eine weibliche zarte Stimme hörten, wurden sie mucksmäuschenstill und blickten nach oben. Eine grazile und wunderschöne Fee näherte sich ihnen. Sie sprach: „Ihr seid sehr mutig bei Wind und Wetter durch diese einsame Gegend zu gehen. Wisst ihr, dass sich nicht weit von hier ein gräuliches Tier versteckt hält. Wer es wagt, diesem Monster Widerstand entgegenzusetzen, tut das unter Lebensgefahr.

Lisa bricht den Bannkreis der Verzauberung.

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