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Allmählich vertrauten die Zwilche dem Gärtner

47. Folge: Allmählich vertrauten die Zwilche dem Gärtner

Verdutzt sahen sie sich an. Dann konnten sich Miti und Max nicht mehr halten, brachen in nicht endend wollendes Gelächter aus und steckten mit ihrer Heiterkeit die ganze Gesellschaft an. Dies lockte die Zwerge, die hinter dem Busch geblieben waren, hervor. Das quirlige Erdmännchen bemerkte die Zwilche. Es winkte ihnen fröhlich zu. „Kommt zu uns“, rief es, „ich möchte euch dem Gärtner vorstellen“. Obwohl sie schon dessen Bekanntschaft aus der Ferne gemacht hatten, kostete es den Waldbewohnern einige Überwindung näher zu kommen. Nur durch gutes Zureden legte sich nach und nach ihre Furcht. Max lief ihnen entgegen und erklärte: „Habt doch keine Angst, dieser Mann tut keiner Fliege etwas zu Leide. geschweige denn euch“. Währenddessen flatterte ein putziges Pfauenauge über die Köpfe der Gruppe hinweg. Alle blickten nach dem Schmetterling, der sich schließlich auf einer Blume niederließ, wobei er seine Flügel senkrecht nach oben stellte. Leidenschaftlich bekundete der Falter, dass auf diesem Grundstück kein Insektengift versprüht werde. Die Zwerge bildeten einen Kreis um den Gärtner und betrachteten ihn wegen seiner Größe mit gemischten Gefühlen. Dem Gärtner kam die Geschichte von Gulliver in Liliput in den Sinn, dessen Gliedmaßen man erst einmal mit dünnem Garn an seinen Körper band, ehe die Stadtväter mit ihm redeten. Glücklicherweise hassten die Zwilche jegliche Art von Gewalt. Um nicht vor den kleinen Leutcn wie ein Goliat dazustehen, setzte er sich zu ihnen ins Gras und verfolgte ihre Unterhaltung. „Warum seid ihr so misstrauisch“, wollte er wissen. „Die Menschen“, meinte Herr Wichtel, „sind eigenartige Wesen. Oftmals sind wir vor ihnen weggelaufen, weil sie uns etwas antun wollten.“ „Eure Haltung kann ich verstehen“, erwiderte der Gärtner, „vor mir braucht ihr euch aber nicht zu fürchten.“ Er erreichte mit dieser Aussage und seinem Verhalten, dass das Waldvölkchen ihm gegen über zutraulicher wurde. Herr Wichtel schlug vor, gemeinsam einen Spaziergang durch Wiesen und Felder zu machen.

„Wenn wir nicht mehr können und müde sind, dürfen wir dann auf deine Schultern steigen?“, fragte Max ganz schüchtern. „Ich werde euch auf Händen tragen, wenn ihr mich darum bittet“, versprach der hilfsbereite Mann und ging in die Beuge. „Warum bückst du dich jetzt schon?, wir Zwerge sind doch noch nicht schlapp.“ „Das ist richtig“, gab er zu, „ich bin bereit, euch sofort auf meinen werten Buckel zu nehmen.“ Das brauchte der Gärtner nicht zweimal zu sagen. Sogleich sprangen und hopsten sie auf Arme und Schultern der geduckten Gestalt oder schlüpften in die offenen Jackentaschen, wo sie gerade mit ihren Köpfchen heraus gucken konnten. Aus purer Freude, dass ihnen soviel Bequemlichkeit zuteil wurde, tollten die kleinen Racker ohne Rücksicht auf Verluste auf seinem Rücken herum. „Bei aller Liebe, das hält nicht mal ein Bernhardiner aus“, dachte der Gärtner, drehte sich zum Erstaunen aller Wichtels um und eilte zur Gartenlaube. Im benachbarten Schuppen holte er einen Leiterwagen heraus. Die Knilche mussten auf den fahrbaren Untersatz umsteigen. Nur Erdmännchen wollte nicht mitkommen. Das Licht der Mittagssonne blende ihn und die Hitze mache ihm zu schaffen, begründete er sein Fernbleiben.

Der Ausflug im sommerlichen Wetter war für alle eine große Gaudi. Die Zwerge konnten sich ausruhen und die Umwelt in Ruhe aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Nur der Gärtner hatte einige Mühe, den Wagen hinter sich her zu ziehen, damit der nicht umkippt. Denn auf den ausgefahrenen Wegen ließ sich das Gefährt sehr schwer lenken. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schoss Miti von seinem Platz hoch und schrie: „Schaut mal, da drüben läuft Schneewittchen mit zwei von den sieben Zwergen und sucht wie wir Kräuter.“ „Wo?“, riefen alle im Chor. Da kugelte sich unser Spaßvogel vor Lachen und sagte: „Ihr Naseweise glaubt auch alles. Für ein solch liebliches Wesen würde der reiche Onkel Dagobert sein Vermögen opfern.“ „Nein, das tut der Geizhals nicht“, hielt ihm Lisa keck dagegen, „der Kerl sammelt das Geld wie Mist. Vom Verteilen hat er noch nie etwas gehört.“ In diesem Moment unterbrach Vater Wichtel die beiden und bat den Gärtner anzuhalten. „Dort drüben wachsen Spitzwegerich, Hirtentäschel, Brennnessel und die Kuckucks- Lichtnelke“,sagte der Zwergenlehrer zu seinen Leuten, „wir schauen uns die Pflanzen einmal genauer an. Kommt alle mit, es interessiert Euch sicherlich. Ihr wollt bestimmt andere Kräuter ausprobieren. Fangen wir mit dem Spitzwegerich an: Zum Beispiel bleibt der bei feuchtem Wetter aufquellende und klebrige Samen dieser Pflanze leicht an den Füßen von Tieren und Menschen haften und wird auf diese Weise weiter verbreitet. Der davon ausgepresste Saft empfahl man früher als entzündungshemmendes Mittel für Wunden. Das zweite genannte Unkraut, das Hirtentäschel, soll blutstillend wirken, kann jedoch bei größeren Mengen schädlich sein, wogegen die Brennsesseln ein bewährtes Mittel gegen Hautkrankheiten sind. Als wohlschmeckendes Gemüse sind sie reich an Vitamin C, Provitamin A und Chlorophyll. Zum Abschluß meiner Erläuterung, die Kuckucks-Lichtnelke, die ihren Namen ihrer leuchtenden Blütenfarbe verdankt. Sie wächst auf Wiesen, die einen hohen Grundwasserspiegel haben und häufig überschwemmt sind.“ Mit diesem Vortrag beendete der Lehrmeister seinen Unterricht. Darüber war manche Stunde vergangen.

Am Abend kam frischer Wind auf, der allen ein wenig Abkühlung verschaffte. Die Abendsonne berührte schon den Horizont, so dass es Zeit wurde, in den Garten zurückzukehren. Mit letzter Kraft stürmten die Wichtel zu dem unter einem Baum abgestellten Leiterwagen und setzten sich auf ihre Plätze. Ihr „Goliath“, der mit großen Schritten voraus gegangen war, brauchte nicht lange auf die Zwilche zu warten. Er prüfte nach, ob auch keiner fehlte. In der Tat, einer war nicht anwesend: Ausgerechnet Vater Wichtel. Wo war er geblieben? Der Gärtner nahm seinen Feldstecher und suchte damit die gesamte Gegend ab. Er fand bald das Zwergenoberhaupt. Es war zu dicht an einer Klette vorbei gestreift und daran hängen geblieben. Heftig setzte es sich zur Wehr, um aus ihren hakigen Hüllblättern herauszukommen. Es gelang ihm nicht. Die Pflanze hatte ihn zu fest im Griff. Leider!

Die Riesenkröte.

Ein ratloser Gärtner

46. Folge: Ein ratloser Gärtner

Auf einmal fing Lisa an zu weinen. „Was ist los, ist dir nicht gut?“, fragte ihre beste Freundin. „Ich habe diese Pflanze nur gestreift und jetzt brennt mein Ärmchen furchtbar und ein schlimmer Ausschlag zeigt sich, wie du siehst.“ „Ja, liebe Lisa, du bist mit Brennnesseln in Kontakt gekommen. Ihre Blätter und Stängel sind mit Brennhaaren besetzt, die schon bei leisester Berührung abbrechen und Saft auf die Haut abgeben. So schützt sich dieses Unkraut gegen Kräuter fressende Tiere oder „Zwerge“. Natürlich gibt es auch Tiere, die sich ausschließlich von Brennnesseln ernähren und die sind gegen diese Brennhaare unempfindlich. Du brauchst keine Angst zu haben. Die roten Flecken verschwinden wieder von selbst.“ Gitti meinte, Lisa solle mehr fragen und sich nicht in Gefahr begeben, indem sie ihr unbekannte Kräuter betastet. Die Zwergenkinder trippelten mit ihr zur Vogeltränke, damit sie das gerötete Ärmchen unter einen Wasserstrahl halten und kühlen konnte. In diesem Augenblick kam Vater Wichtel sichtlich verärgert auf die Rasselbande zu und schalt sie. „Wo seid ihr gewesen?“, wollte er wissen, „wir haben euch gesucht und uns Sorgen gemacht“. „Sei nicht so streng mit uns“, erwiderte Miti, „wir wollten nur einen kleinen Abstecher machen und schauen, welche Kulturen angebaut werden.“ Dabei huschte ein spitzbübisches Lächeln über seine Lippen. Der Zwergenvater schmunzelte, ließ sich jedoch von ihm nicht beeinflussen und forderte die kleinen Racker auf, sofort mit ihm zu kommen.

Gerade als die Waldleutchen auf Kräutersuche gehen wollten, sahen sie den Gärtner mit einer Leiter aus der Gartenlaube kommen. Er trug diese bis zum Apfelbaum, um sie dort aufzustellen. Dann lief er zurück und holte eine lange Stange, an deren Ende ein Säckchen befestigt war, aus einem Schuppen und stellte sie an die Leiter. Die Zwerge guckten sich gegenseitig an. „Was hat er vor?“, fragte Max, „Will er damit die Vögelchen fangen, die oben im Baum nisten?“ „Wartet doch mal ab“, tadelte ihr Schullehrer, „regt euch doch nicht so auf. Gleich steigt er auf die Leiter und erntet das Obst. Die Stange mit dem Beutel ist wie ein verlängerter Arm, mit dem er die am Ende der Zweige hängenden Äpfel pflückt.“ Die Kleinen glaubten ihm nicht, setzten ihre Tarnkappen auf und schlichen wie ein Spähtrupp an Ort und Stelle. Da passierte es. Ein Apfel fiel herunter und traf Lisa. Sie schrie auf und diesen Schrei hörte der Gärtner hoch oben im Baum. „Was war das?“, sprach er zu sich selbst, „wieso höre ich Stimmen?“ Er schaute nach unten und sah ein klitzekleines zappelndes Wesen. Er kletterte rasch die Leiter hinunter, um nachzusehen. Aber als er unten ankam, lag nur die durch den
Aufprall in zwei Hälften geteilte Frucht auf dem Gehweg. Der Gärtner war verärgert und glaubte, dass ihm irgend jemand einen dummen Streich spiele und überprüfte jeden Winkel auf seinem Grundstück. Ohne Erfolg! „Ich bin doch keiner Sinnestäuschung aufgesessen“, dachte er, „ich muss dem heimlichen Treiben auf die Schliche kommen“, hob behutsam den Apfel auf und betrachtete diesen mit Kennerblick.

„Ungeheuerlich“, murmelte er vor sich hin. Der Pflanzenfreund war fassungslos. Rätselhaft wie das Lebewesen, das nicht größer als ein Steinpilz war, im Handumdrehen verschwinden konnte. Das ließ ihm einfach keine Ruhe. Noch einmal durchkämmte er sein Grundstück, stellte jedoch nichts außergewöhnliches fest. Oder doch? Am Rand des Kohlrabibeetes entdeckte er eine zerknüllte Tarnkappe. Der Gärtner griff danach und stülpte sie über seinen Daumen. Siehe da, der Finger wurde unsichtbar. In diesem Moment war ihm klar geworden, dass er in ein Geheimnis gedrungen war. Geistesabwesend stand er vor seinem Kräuterbeet, als das Erdmännchen zwischen Basilikum und Dill an die Erdoberfläche kam und zu ihm hin tippelte. Es zerrte an seinen Hosenbeinen, um sich bemerkbar zu machen. Mit sanfter Stimme sprach es: „He, Meister. wo bist du mit deinen Gedanken? Was ist geschehen?“ Daraufhin antwortete er: „Ein winziges Kerlchen lag auf dieser Stelle. Als ich nachschauen wollte, war es weg.“ Das Erdmännchen grinste in sich hinein und erzählte sodann von den Zwergen, die sich hier für eine kurze Weile nieder gelassen haben und fügte hinzu: „Ich kann dich zu ihnen hin führen. Ich weiß, wo sie sich aufhalten. Ja, es gibt sie wirklich, nur sie werden nicht wahrgenommen.“

Unterdessen trugen die Wichtels Lisa so rasch sie konnten hinter einer dichten Buchsbaumhecke. Hier wurde sie untersucht und abgetastet. Das behagte der Göre gar nicht. Sie wehrte sich, zappelte und behauptete, keine Schmerzen zu haben. Frau Wichtele war aber anderer Ansicht. Sie deutete auf das Ärmchen und sagte: „Schau dir dein Ärmchen an, es ist angeschwollen. Ich möchte einzig und allein feststellen, ob du noch weitere Verletzungen erlitten hast. Mache es mir nicht so schwer.“ „Mir ist nichts passiert“, behauptete Lisa zornig, „lass‘ mich in Ruhe.“ Schmollend riss sie sich los. „Na ja“, gab Herr Wichtel zu bedenken, „in ein paar Tagen wissen wir mehr. Lasst den kleinen Schreihals in Ruhe.“

Lisas Stimme war wie das Zwitschern eines Vogels weithin zu hören. Die beiden, also Gärtner und Erdmännchen, hatten deshalb keine Schwierigkeit das Versteck ausfindig zu machen. Schritt für Schritt näherten sie sich der Hecke, wurden jedoch bald von den Wichtelkindern erspäht. Miti, der Racker, gab den anderen Kindern durch Zeichen zu verstehen, sich ruhig zu verhalten. Jedoch das schlaue Erdmännchen mit seinen feinen scharfen Ohren hatte ein Rascheln vernommen und ebenfalls sein Pfötchen auf sein Mäulchen getan, um den Gärtner zu warnen. Beide Gruppen schlichen in gebeugter Haltung aufeinander zu. Der Gärtner hatte sich in eine Furche gelegt und kroch bäuchlings voran. Hinter einer steinernen Abgrenzung trafen sie zusammen. Allen war die plötzliche Begegnung derartig in die Glieder gefahren, dass sie nicht mehr in der Lage waren, einen Ton von sich zu geben.

Allmählich vertrauten die Zwilche dem Gärtner.

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